Die Freiheit, eine Familie zu sein
Dirk und Michael Kirschberger verbinden in „72 Geschlechter“ eine rekonstruierte Familiengeschichte mit politischem Essay. Über persönliche Freiheit, ungefragte Vertretung und die Frage, was eine Erfahrung beweisen kann.

Am Anfang malt ein Kind seine Familie. Zwei Väter, ein Sohn, darüber ein Regenbogen und eine Sonne mit Sonnenbrille: Das Bild benötigt keine Erläuterung, bis die Erwachsenen anfangen, seine Bestandteile politisch zu lesen. Mit dieser kleinen Verschiebung eröffnen Dirk und Michael Kirschberger ihr Buch „72 Geschlechter“. Der Titel verspricht die große Konfrontation; die stärkeren Seiten suchen etwas Bescheideneres und Schwierigeres: einen Alltag, in dem Menschen selbst darüber bestimmen können, welche Bedeutung ihre Lebensweise haben soll.
Dabei ist zunächst eine Leseanweisung ernst zu nehmen. Die Autoren erzählen ausdrücklich nicht ihre eigene Geschichte. Sie haben Gespräche mit befreundeten Männern zu einer literarischen Erfahrungsgeschichte verarbeitet, Namen verändert, Dialoge verdichtet und Situationen zusammengeführt. Auch die Passagen aus Chris’ Sicht sind Rekonstruktionen. Das Buch verbindet diese erzählerische Arbeit mit einem gesellschaftspolitischen Essay. Seine Familienkapitel besitzen deshalb eine andere Beweiskraft als eine dokumentarische Fallstudie. Man liest gestaltete Erinnerung, keine Mitschrift und erst recht keine repräsentative Untersuchung.
Die erzählte Beziehung beginnt in Hamburg. Begegnungen, ein verpasstes Treffen, der erste Kuss, schließlich Kartons und ein zu großes Bett: Die Liebe gewinnt durch Gegenstände Kontur. Gerade die störende Bettkante, an der man sich stößt, ist eine glückliche Einzelheit. Sie übersetzt das pathetische Wort Bindung in die veränderte Geografie eines Schlafzimmers. Ein anderer Mensch zieht ein und beansprucht Platz. Die Autoren finden für diesen Vorgang einen Humor, der die Beziehung weder verklärt noch zur politischen Musterfamilie einfriert. Gewöhnlichkeit erscheint hier als etwas Erarbeitetes.
Aus der Partnerschaft werden Ehe und Elternschaft. Das Buch erzählt vom Kinderwunsch, von Kanada, von der Eizellspenderin und der Frau, die Alexander austrägt. Es verschweigt nicht, dass der Wunsch der Männer andere Menschen und deren Entscheidungen berührt. Besonders nachdrücklich wird die Darstellung dort, wo die Familie ihre amtliche Sichtbarkeit vorsorglich selbst verkleinert: In der Geburtsurkunde steht nur Chris. Der andere Vater beschreibt rückblickend, wie eine zum Schutz gedachte Vereinfachung ihn auf dem Papier unsichtbar macht. Für die Lektüre ist entscheidend, wie hier eine eigene Entscheidung gegen ihre ursprüngliche Absicht lesbar wird.
An solchen Stellen reicht das Buch über den Tagesstreit hinaus. Die bürgerliche Hoffnung, durch Ehe, Verantwortung und Verlässlichkeit selbstverständlich dazuzugehören, trifft auf Dokumente und gesellschaftliche Gewohnheiten, die diese Selbstverständlichkeit nicht zuverlässig herstellen. Das ist ein ergiebiger Widerspruch für einen Essay, der politische Zuordnungen abwehren möchte: Der Wunsch nach Privatheit benötigt öffentliche Anerkennung. Chris’ Überlegung zum Händchenhalten gibt ihm eine körperliche Form. Die Berührung soll einfach zum gemeinsamen Leben gehören; andere können sie zum Bekenntnis erklären. Eine kleine Geste trägt plötzlich die Last einer ganzen Debatte.
Chris ist deshalb mehr als die zweite Unterschrift unter der gemeinsamen Haltung. Seine kurzen Beiträge verändern die Temperatur des Buches. Wo die andere Stimme Begriffe abgrenzt und Grundsätze aufstellt, interessiert ihn zunächst der Mensch, der ihm gegenübersitzt. Beide stimmen oft überein, doch sie gelangen nicht auf demselben Weg dorthin. Diese Differenz bewahrt die Erzählung davor, ihre eigene Forderung nach Individualität sofort wieder einzuziehen. Zwei Männer dürfen eine Familie und viele Überzeugungen teilen, ohne zu einer einzigen politischen Stimme zu verschmelzen.
Im essayistischen Hauptteil wird diese Frage systematisch: Wer darf für wen sprechen? Die Autoren wenden sich gegen einen Vertretungsanspruch, der aus sexueller Orientierung bereits politische Zustimmung ableitet. Sie unterscheiden dabei zwischen Menschen und Organisationen, zwischen Schutz vor Benachteiligung und Zustimmung zu einer Theorie. Das überzeugende liberale Anliegen besteht darin, die Möglichkeit des Widerspruchs auch innerhalb einer Minderheit offenzuhalten. Es wird ausdrücklich wechselseitig formuliert. Wer die eigene Lebensweise frei wählen möchte, kann anderen weder ihre Würde noch ihre persönliche Freiheit vom Einverständnis mit den eigenen Begriffen abhängig machen.
Man sollte diese Differenzierungen nicht hinter den zugespitzten Kapitelüberschriften verschwinden lassen. Im Abschnitt über FLINTA erkennen die Autoren den Sinn konkreter Schutzräume und politischer Bündnisse an. Ihre Frage lautet, ob eine Sammelbezeichnung schon hinreichend erklärt, welchem Zweck eine Veranstaltung dient und wie ihre Regeln funktionieren. Das Gedankenexperiment an der Eingangstür ist ausdrücklich kein Nachweis massenhaften Identitätsmissbrauchs. Ähnlich räumt der Text ein, dass Selbstbezeichnungen entlasten können. Seine eigentliche Sorge gilt dem Augenblick, in dem aus einem hilfreichen Angebot eine erwartete Selbstdefinition wird.
Die Autoren setzen ihren Zuspitzungen gelegentlich selbst eine Grenze. Im Kapitel über gesellschaftliche Rückschläge unterscheiden sie Wahrnehmung, registrierte Entwicklung und Ursache. Dass eine politische Erklärung plausibel klingt, gilt ihnen ausdrücklich noch nicht als Kausalbeweis. Auch der Brief an den Sohn unterwirft die elterlichen Überzeugungen einer späteren Prüfung: Alexander darf dieses Buch eines Tages ablehnen. Die Freiheit des Kindes erschöpft sich damit nicht darin, vor fremden Erwartungen bewahrt zu werden. Sie umfasst die Möglichkeit, sich auch den Erwartungen der eigenen Väter zu entziehen. Dieser Gedanke gibt dem häufig beschworenen Individualismus eine notwendige Konsequenz.
Allerdings liegt hier auch eine Grenze seiner Methode. Anschauliche Konfliktmodelle zeigen, dass eine Regel schwierige Fälle erzeugen kann; sie sagen noch nicht, wie häufig diese Fälle eintreten oder wie Betroffene sie tatsächlich bewältigen. Quellenhinweise zu Gesetzen, Institutionen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen erweitern den Horizont, können diesen Unterschied aber nicht beseitigen. Gerade bei den Kapiteln über Medizin, Schule und Schutzräume muss man zwischen der angeführten Grundlage und der daraus entwickelten politischen Bewertung unterscheiden. Ein Quellenblock nennt sogar Materialien für eine spätere Endnotenredaktion; hier ist ein Arbeitsvermerk stehen geblieben, der in einer veröffentlichten Ausgabe hätte aufgelöst werden müssen. Die konkrete Familiengeschichte verleiht dem Essay eine Stimme. Sie macht seine allgemeinen Schlussfolgerungen nicht automatisch zwingend.
Auch sprachlich könnte das Buch dem eigenen Einfall öfter vertrauen. Kurze Sätze, Fragen, Gegenfragen und pointierte Gegensatzpaare machen die Argumentation zugänglich. Über längere Strecken entsteht daraus jedoch ein wiederkehrender Takt: Ein Begriff wird aufgerufen, seine mögliche Überdehnung vorgeführt, anschließend die vernünftige Grenze benannt. Was zunächst Klarheit schafft, kann zur Vorhersehbarkeit werden. Umso wohltuender sind die Rückkehr zum Gespräch, die Unterbrechung durch Chris und der Sohn, der Kokosnüsse verkauft und sich anschließend wieder dem nächsten Spiel zuwendet. Das Leben muss nicht fortwährend die Schlussfolgerung eines Absatzes bestätigen.
Am Ende liegt das Familienbild erneut auf dem Tisch. Chris sieht besonders jene Sonne mit Sonnenbrille, die für die politische Theorie entbehrlich und für das Bild unverzichtbar ist. In dieser Beobachtung findet das Buch seine überzeugendste Form. Sie nimmt den Anspruch auf begriffliche Genauigkeit ernst und schützt zugleich das Unberechenbare einer Person vor seiner vollständigen Erklärung. „72 Geschlechter“ ist dort am stärksten, wo seine Polemik sich von dieser eigenen Einsicht begrenzen lässt: Freiheit schließt die Möglichkeit ein, dass Menschen, selbst die nächsten, anders sprechen, anders denken und an einer sorgfältig errichteten Ordnung einfach vorbeileben.
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