Was ein Name bewahren kann
Adrian Kerrs historischer M/M-Roman „Königreiche aus Staub“ verbindet die Liebe zweier junger Männer mit Alexanders Eroberungen. In der zweiten, erweiterten Ausgabe geht es um Freiheit, die Macht von Aufzeichnungen und die Menschen hinter den Namen.

Ein Name kann einen Menschen schützen. Er kann ihn aber auch auffindbar machen, einer Herkunft zuordnen und zum Gegenstand eines Geschäfts werden lassen. Adrian Kerr entwickelt aus dieser Unsicherheit die eigentliche Spannung seines historischen M/M-Romans „Königreiche aus Staub“. Die Eroberungen Alexanders bilden darin eine Welt der Listen und Befehle, in der eine richtige Abschrift Leben retten und eine scheinbar sachliche Zusammenfassung ein Todesurteil vorbereiten kann.
Der Prolog beginnt mit einem Streit über Homer. Myron und Damaris sitzen auf einem Dach in Theben und diskutieren darüber, ob Patroklos älter als Achilles sei. Unter ihnen geht die Stadt ihren Geschäften nach. Der Bäcker ärgert sich über Holzpreise; Damaris hat für ihren schief verheilten Finger wechselnde Erklärungen. Kerr gibt der untergehenden Welt zuerst die Beweglichkeit eines gewöhnlichen Morgens. Dass ihre Bewohner über Verse und kleine Erinnerungen streiten können, macht den bevorstehenden Verlust greifbar.
Dann treten die Wachstafeln an die Stelle der Schriftrolle. In den Aufzeichnungen, die Myrons Vater Timon verwahrt, werden Menschen bereits auf die Möglichkeiten ihrer künftigen Verwertung hin betrachtet. Der Händler Menalkes verbindet politische Beziehungen mit einem Geschäft, dessen Opfer die Voraussetzungen noch nicht überblicken. Kerr bindet die Gewalt der Eroberung an deren Vorbereitung und Verwaltung. Die zerstörte Stadt hinterlässt neben Trümmern auch geordnete Ansprüche auf diejenigen, die überlebt haben.
Myron ist sechzehn, als er in die Gewalt der Sieger gerät. Der wenig ältere Leandros, ein königlicher Page, wird zu seinem Bewacher. Aus dieser Begegnung eine Liebesgeschichte zu entwickeln, ist eine anspruchsvolle Entscheidung. Kerr weicht ihren Voraussetzungen erfreulicherweise nicht aus. Leandros kann aufmerksamer und weniger grausam handeln als andere; Myron bleibt zunächst ein Gefangener. Die Zuwendung hebt seine Abhängigkeit nicht auf, und Leandros muss lernen, dass Fürsorge noch keinen Anspruch auf Vertrauen begründet.
Deshalb erhält die spätere Anerkennung von Myrons Freiheit erzählerisches Gewicht. Sie benötigt Zeugen, veränderte Einträge und die Möglichkeit, eine getroffene Entscheidung auch gegen andere Stellen zu behaupten. Besonders überzeugend wird der Roman, als Myron nach dem Erwerb eines Pferdes eine eigene Route erprobt und unter neu verhandelten Bedingungen zurückkehrt. Erst die Möglichkeit, fortzugehen, verändert den Sinn seines Bleibens. Der Dienst lässt sich nun beenden. Die Beziehung gewinnt einen Spielraum, den bloßes Wohlwollen nicht hätte herstellen können.
Auch Myrons Herkunft lässt sich keiner einfachen Seite zuschlagen. Sein persischer Name Mithrenes und die Hoffnung, seine Mutter Artazostre wiederzufinden, verbinden ihn mit einer Welt, gegen die das Heer zieht. Als Übersetzer soll er Äußerungen verständlich machen, während andere darüber entscheiden, welche Bedeutung sie bekommen dürfen. Menalkes arbeitet gerade mit der Verschiebung zutreffender Einzelheiten zu einer falschen Gesamterzählung. Kerr findet hier ein wirksames Modell politischer Manipulation: Die Überlieferung kann aus richtigen Sätzen bestehen und einen Menschen dennoch verraten.
Der Roman öffnet seinen Blick zugleich für diejenigen, die im Gefolge der großen Geschichte leicht verschwinden. Bei Plutarch gehören die Nachkommen Pindars zu den nach dem Fall Thebens Verschonten. Kerr interessiert sich für Leben, deren Fortbestand kein berühmter Name gewährleistet. Ein beim Entladen getöteter Arbeiter erhält Herkunft und Angehörige; nach einer Schlacht bleibt ein anderer Name unbekannt. Die Unvollständigkeit wird sichtbar gehalten. Erinnerung darf hier weder zur vollständigen Bilanz noch zum nachträglichen Trost für alle werden.
Damaris erhält dafür eine eigene Perspektive. Nach ihrem Verkauf führt ihr Weg bis nach Tyros, wo sie sich die Namen anderer Versklavter merkt und einem Kind im Salz das Alphabet beibringt. In dieser kleinen Szene verdichten sich Schrift und Selbstbehauptung ohne großen Aufwand. Auch ihre spätere Rettung besitzt Bedingungen, die sie selbst setzt: Sie wird andere Kinder nicht zurücklassen, damit die Wiederbegegnung für die Suchenden einfacher ausfällt. Damaris bleibt eine handelnde Person mit Verpflichtungen, die über Myrons Wünsche hinausreichen.
Die Liebe zwischen Myron und Leandros wächst innerhalb solcher konkurrierenden Bindungen. Ihre Beziehung wird nicht vor allem durch das Rätsel einer sexuellen Selbstbezeichnung bestimmt. Herkunft, Zugang zu vertraulichen Informationen, Stand und militärische Loyalität machen ihre Nähe angreifbar. Der Roman lässt sich damit auf eine historische Fremdheit ein, die eine queere Liebesgeschichte bereichert. Die Figuren können einander begehren und müssen doch erst verstehen, welche anderen Entscheidungen sie mit diesem Begehren zu rechtfertigen versuchen.
Leandros ist darin besonders interessant. Er möchte Myron schützen, hängt zugleich aber an den Möglichkeiten des königlichen Dienstes. Als er die Fortsetzung des Feldzugs mit der Suche nach Myrons Mutter begründen will, muss er sich den eigenen Wünschen nach Rang und Zukunft stellen. Kerr bewahrt die Figur vor der bequemen Behauptung, jeder Entschluss werde bereits durch Liebe uneigennützig. Umgekehrt darf Myron zurückkommen, ohne damit nachträglich zu bestätigen, dass seine frühere Abhängigkeit gut für ihn gewesen sei.
Die große Anlage hat allerdings ihre Unebenheiten. Manche Dialoge erläutern die ethische Bedeutung einer Handlung noch einmal, obwohl ein Gegenstand oder eine Geste sie bereits trägt. Auch Menalkes’ wiederholter Schutz durch seine Nützlichkeit für den König verliert gelegentlich an Überraschung. An einzelnen Stellen wäre eine strengere redaktionelle Durchsicht hilfreich gewesen: Rund um die Einnahme Milets wird die zeitliche Folge unklar; ein späterer Verweis auf Myrons Beuteeintrag passt nicht zur zuvor beschriebenen Streichung. Das beeinträchtigt die Übersicht, ohne den tragfähigen Zusammenhang von Liebesgeschichte, Besitz und Erinnerung aufzuheben.
Beim Brand von Persepolis erhält dieser Gedanke eine besonders anschauliche Gestalt. Myron, Leandros und Gobryas retten Arbeiterregister. Der persische Aufseher kann darin auf den Eintrag seines Vaters zeigen. Die bedrohten Tafeln enthalten damit eine andere Geschichte als jene der königlichen Siege. Kerr gibt den Menschen, die Gebäude errichtet und Arbeiten verrichtet haben, einen Platz im Gedächtnis des Feldzugs. Der Roman wird in solchen Augenblicken über seine Liebeshandlung hinaus weit.
Gerade deshalb ist wichtig, dass der Roman seine Gegenaufzeichnungen nicht mit einer vollständigen Wiedergutmachung verwechselt. Auch gesicherte Namen bringen Tote nicht zurück; der Zugriff auf Beweise bleibt von Machtverhältnissen abhängig. Gegen Ende steht die entscheidende Präzisierung: „Das Dokument bestätigt den Menschen. Es erschafft ihn nicht.“ Sie begrenzt ein Verfahren, in dem Myron große Fähigkeiten entwickelt hat. Das Festhalten einer Person darf nicht zur Voraussetzung ihres Menschseins werden. Hier erreicht Kerrs Beschäftigung mit Schrift ihre größte Klarheit.
Leandros’ entscheidende Bewegung führt schließlich aus dem Dienst des Königs heraus. Er kann seine Zukunft nicht zugleich als versprochenes Land im Osten und als geteiltes Leben mit Myron besitzen. Dass er diesen Verzicht selbst verantwortet, gibt der Liebesgeschichte ihre erwachsene Gestalt. Der Epilog an der lydischen Küste erzählt dann von Arbeit, gemeinsamer Habe und einer Zugehörigkeit, die eigene Formen sucht. Kerr unterscheidet dabei die Vereinbarungen, die sich bezeugen lassen, von der privaten Sprache des Paares.
Der Tod Alexanders macht die verlorenen Menschen und Städte nicht wieder gegenwärtig. Myron und Leandros erhalten dennoch eine Zukunft, deren Wert aus ihren alltäglichen Aufgaben entsteht. Darin liegt die bleibende Qualität von „Königreiche aus Staub“: Das Buch gibt der großen Geschichte Widerstand durch genaue Lebensumstände. Eine Beziehung bewährt sich daran, ob in ihrer Nähe der andere einen eigenen Weg behalten kann. Und ein Name bewahrt etwas, wenn hinter ihm ein Mensch erkennbar bleibt.
← Zur M/M-Rubrik