Ein Sommer zum Selbermachen
Paul Fishers M/M-Roman „Sechs Wochen Gegenwind“ erzählt von erster Liebe, unterschiedlichen Möglichkeiten und einem gemeinsamen Film. Seine Stärke liegt in den kleinen Verhandlungen, durch die aus Anziehung Vertrauen wird.

Was ein verschütteter Kaffee anrichten kann, hängt davon ab, worauf er landet. In Paul Fishers „Sechs Wochen Gegenwind“ trifft er ein Filmnotizbuch, das Leo von seinem Vater bekommen hat. Für Jona liegt es nahe, den Schaden durch einen Ersatz zu beheben. Doch zwischen dem Preis eines Gegenstands und seinem Wert für einen anderen Menschen bleibt ein Abstand. Diesen Abstand erkundet Fishers Roman mit einer Aufmerksamkeit, die seine Liebesgeschichte weit über das erste Verliebtsein hinausträgt.
Jona und Leo begegnen sich in Hamburg, wo Wasser, Ferien und die Aussicht auf gemeinsame Unternehmungen einen Sommer versprechen, der sich beinahe von selbst erzählen könnte. Fisher verlässt sich erfreulicherweise auf die Einzelheiten. Ein Café muss funktionieren, jemand trägt ein Tablett, ein Freund filmt, eine Besucherin möchte nicht ins Bild geraten. Schon die Eingangsszene im Café Canale stellt eine Frage, die später an Bedeutung gewinnt: Wie viel darf man von einem anderen Menschen zeigen, und wer entscheidet darüber?
Die erste Liebe entsteht in einer Welt, in der Bilder, Nachrichten und Geschichten längst zirkulieren, bevor ihre Urheber sich über deren Folgen verständigt haben. Jona schreibt Fanfiction und veröffentlicht sie unter einem eigenen Namen im Netz. Leo interessiert sich für Film. Beide haben Formen gefunden, in denen sie die Wirklichkeit betrachten und verändern können. Ihre Annäherung führt diese zunächst getrennten Tätigkeiten zusammen. Man muss dabei die konkrete Person neben sich immer wieder von dem unterscheiden, was sich über sie erzählen ließe.
Sehr genau wird Fisher, sobald Geld diese Annäherung berührt. Leos Möglichkeiten erleichtern manche Unternehmung; für Jona können dieselben Vorschläge eine Verpflichtung erzeugen. Bei Ausflügen an die Alster, beim Essen und beim Besuch im Holthusenbad wird zwischen ihnen verhandelt, was eine Einladung bedeutet. Der Konflikt erhält durch die kleinen Beträge und Entscheidungen seine Glaubwürdigkeit. Es geht um die Möglichkeit, etwas abzulehnen, ohne damit zugleich die Zuneigung des anderen zurückzuweisen.
Darin liegt eine wesentliche Qualität des Romans. Jona besitzt Eigensinn, Leo kann lernen, und keiner von beiden muss den anderen ständig erziehen. Ein Dank darf angenommen werden, ohne eine neue Gegenleistung anzubahnen. Ein Plan lässt sich ändern, ohne dass die Beziehung gleich zur Disposition steht. Fisher beobachtet, wie schwer solche Selbstverständlichkeiten werden können, wenn die Beteiligten sich viel bedeuten. Seine Dialoge gewinnen Spannung aus den kurzen Verzögerungen zwischen einer gut gemeinten Geste und ihrer tatsächlichen Wirkung.
Auch den ersten Kuss lässt er aus einer solchen Verständigung hervorgehen. Auf einem Sofa wird ein Film angehalten; aus der Unterbrechung entsteht Raum für eine Frage. Die körperliche Nähe besitzt damit eine eigene zeitliche Genauigkeit. Jona und Leo müssen einander lesen lernen, und beide behalten die Möglichkeit, etwas selbst zu sagen. Der Roman zeigt Einvernehmen als einen Bestandteil der Anziehung. Das verleiht der Szene eine selbstverständliche Zärtlichkeit.
Dass dieses Lernen eine Vorgeschichte hat, wird an Lasse sichtbar. Die frühere Beziehung litt darunter, wie ungleich sie in verschiedenen Lebensbereichen gelebt werden konnte. Was zu Hause möglich war, blieb in der Schule oder beim Tennis verborgen. Fisher gibt damit der Öffentlichkeit einer Beziehung ein konkretes Maß. Es kann schmerzen, vor bestimmten Menschen verschwiegen zu werden, auch wenn an anderer Stelle längst Akzeptanz besteht. Lasses spätere Entschuldigung nimmt diesen Schmerz ernst, ohne Jona zu einer erneuten Annäherung zu verpflichten.
Leo wiederum muss seine Gefühle nicht erst durch eine fertige Selbstbeschreibung beglaubigen. Seine Unsicherheit über ein Etikett und sein Wunsch, mit Jona zusammen zu sein, dürfen nebeneinander bestehen. Gerade für einen queeren Entwicklungsroman ist diese Unterscheidung ergiebig. Die Figuren können verbindlich handeln, während ihr Wissen über sich selbst noch in Bewegung bleibt. Fisher nimmt die konkrete Beziehung als Erfahrungsraum ernst und lässt ihren Beteiligten Zeit, deren Bedeutung zu verstehen.
Beide bringen allerdings eigene Schwierigkeiten mit. Ein vertrauter Umgang mit dem Exfreund oder eine langjährige Freundin können zur vermeintlichen Bedrohung werden. Nach dem Streit auf einer Party erkennt Leo seinen Anteil an dieser Eifersucht: „Ich will nicht, dass du dauernd beweisen musst, dass da nichts ist.“ Der Satz gewinnt Gewicht, weil er eine Forderung an sich selbst enthält. Auch Jona muss seine Reaktionen prüfen. Solche Momente geben der wohlwollenden Erzählhaltung Kontur. Verletzlichkeit ist verständlich; wie man mit ihr umgeht, bleibt die eigene Aufgabe.
Besonders schön verbindet der gemeinsame Kurzfilm „Abgestellt“ diese Beziehungsarbeit mit einer Tätigkeit. Eine Frau, ein Stuhl, Bewegungen vor einer Kamera: Schon an einer scheinbar einfachen Szene müssen Entscheidungen getroffen werden. Wer wartet auf wen? Was erzählt eine Haltung über eine Figur? Welche Fassung eines Drehbuchs gilt? Hier wird die künstlerische Zusammenarbeit zum eigenen Handlungsraum. Beide Jungen besitzen Fähigkeiten, machen Vorschläge und müssen zulassen, dass ein gemeinsames Ergebnis ihre ersten Vorstellungen verändert.
Das bleibt keineswegs harmonisch. Als ein gewünschter Drehort ausfällt, ändert Leo eigenmächtig den Schluss. Ein organisatorisches Problem droht zur Verfügung über die Geschichte des anderen zu werden. Jona hält dagegen: „Der Ort. Nicht die Geschichte.“ Die knappe Unterscheidung trifft den Konflikt genauer als eine große Rede über Respekt. Zugleich muss Jona anerkennen, dass seine ursprüngliche Planung ungesichert war. Die spätere Überarbeitung des Films gewinnt gerade daraus ihre Überzeugungskraft: Gemeinsamkeit entsteht durch die Rückgabe von Verantwortung an beide Beteiligten.
Einen weiteren Horizont öffnet der Besuch im Uhrlaub. Ein älterer Kellner erinnert an schwule Treffpunkte und an Menschen, deren Gegenwart für ihn noch in Fotografien aufbewahrt ist. Das leicht verfügbare Bild erhält plötzlich eine Geschichte. Fisher rückt die Hamburger Liebesgeschichte damit in einen Zusammenhang erkämpfter Öffentlichkeit. Die Jungen müssen diese Erinnerung weder nachspielen noch jede frühere Form der Gemeinschaft für sich übernehmen. Sie begegnen jedoch einem Raum, dessen Selbstverständlichkeit Voraussetzungen hat. Das Nachwort formuliert den Anspruch auf schwule Freiheit und Sichtbarkeit dann ausdrücklich politisch; innerhalb der Handlung bleibt er an Personen und Begegnungen gebunden.
Gelegentlich gerät diese sorgfältige Verständigung etwas zu vollständig. Missverständnisse werden erklärt, Fehler benannt und die Bedingungen einer gelungenen Entschuldigung genau ausgeleuchtet. Manche Gespräche hätten auch einen Rest Unordnung vertragen. Die wiederkehrenden Aushandlungen über Geld, Zeit und Zuständigkeit erfüllen eine erkennbare Aufgabe, verlangsamen aber stellenweise den Fortgang. Dass die Figuren Humor und andere Interessen behalten, verhindert meist, dass ihre Beziehung zu einer bloßen Folge mustergültig gelöster Konflikte wird.
Am Schluss muss Leo nach München zurück, während Jona seinen eigenen Alltag in Hamburg fortsetzt. Fisher nimmt diesen unterschiedlichen Lebensorten ihre Wirklichkeit nicht durch eine wundersame Schlusswendung. Die Jungen vereinbaren, wie sie miteinander sprechen und Besuche planen wollen. Der letzte Satz lautet: „Um halb neun hören wir uns.“ Darin liegt die stille Zuversicht dieses Romans. Zukunft bekommt zunächst die Gestalt eines Termins, den zwei Menschen einhalten möchten. Ihre Liebe bleibt offen, aber sie haben gelernt, etwas für sie zu tun.
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